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2016.07.28 Kirchengeschichte St. Johannis, Muhr am See

Altenmuhr, St. Johannis-Kirche
Kirche St. Johnnis. Foto: Kuhn

Gotteshaus mit reicher Geschichte

MUHR AM SEE - Von vielen großen Domen sind heute noch Baupläne und Rechnungen vorhanden, obwohl sie schon vor Jahrhunderten errichtet wurden, zum Beispiel der Plan des Erwin von Steinbach für das Straßburger Münster oder der über zwei Meter große Plan für den Turm des Ulmer Münsters, nach dem der Bau im 19. Jahrhundert fertiggestellt wurde. Man kann ihn heute noch im Eingangsbereich des Münsters bewundern. Anders dagegen verhält es sich bei den meisten Dorfkirchen. Aus der Zeit vor der Reformation ist kaum etwas aufgezeichnet. Hier und da ist einmal eine in einen Quader gehauene Jahreszahl zu finden oder eine mehr oder weniger knappe Bauinschrift, wie etwa in Merkendorf, Kalbensteinberg oder Pfofeld. Erst bei den Gotteshäusern ab dem 18. Jahrhundert, besonders bei den Kirchen, die durch den markgräflichen Baumeister David Steingruber um- oder neu gebaut wurden, ist mehr überliefert. Dennoch sind in gewissem Maß alle Kirchen wie ein Buch. Auf dem Deckel ist nur der Titel, dem man entnehmen kann, um welche Art von Buch es sich handelt. Will man mehr wissen, muss man das Buch aufschlagen und lesen. Bei älteren Büchern fehlen vielleicht Seiten, aber aus dem, was man vorher lesen konnte und was nach diesen Fehlstellen folgt, kann man erschließen, was auf diesen Seiten so ungefähr stand. Manchmal sind auch Seiten verklebt, sodass man sie erst vorsichtig öffnen muss. So ein „Buch“ ist auch die St.-Johannis-Kirche in Altenmuhr. Der Name zeigt an, dass es sich um eine sehr alte Kirche handelt, vermutlich um eine Taufkirche. Die ersten Seiten fehlen, die über den Ursprung Auskunft geben könnten. Die nachfolgenden verklebten Seiten dieses Buchs ließen sich aber noch öffnen und konnten die Vorgeschichte zu dem erklären, was später aufgezeichnet war. In dem großen Kunstgeschichtswerk „Die Kunstdenkmäler von Bayern – Mittelfranken – Bezirksamt Gunzenhausen“ ist zu lesen, dass die St.-Johannis-Kirche „1467 anstelle eines älteren Baues“ errichtet wurde. Bei einem Buch wäre wohl in den „verklebten Seiten“ etwas über diesen Bau, der in den „Kunstdenkmälern“ nicht näher beschrieben wird, gestanden. Bei der Renovierung in den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts ließen sich ein paar der „verklebten Seiten“ öffnen. Es stellte sich heraus, dass nicht die ganze Kirche aus dem Jahr 1467 stammt, sondern der untere Teil der südlichen Außenmauer des Langhauses, ein Teil der südlichen und nördlichen Chormauer sowie der untere Teil des Westgiebels noch von diesem Vorgängerbau erhalten sind. Bei Grabungen im Langhaus fand man unter dem Fußboden auch noch die Fundamente der nördlichen Langhausmauer. So konnte man den Grundriss der ursprünglichen Kirche genau erschließen: eine Chorturmkirche mit rechteckigem Langhaus und nahezu quadratischem Chor. Auch Fragmente der vermauerten romanischen Fenster wurden damals noch entdeckt. Wie die bebilderten Seiten eines Buchs ließen sich die weiteren Baumaßnahmen an der Kirche aufschlagen, als bei der oben genannten Renovierung der Putz entfernt war. Am gesamten Gebäude konnte man die zweite Bauphase von 1467 gut ablesen: den im Achteck geschlossenen, mit glatten Quadern an den romanischen Rechteckchor angefügten neuen Chor, die Turmgeschosse aus dieser Zeit, ebenfalls aus glatten Quadern errichtet, und die Langhauserweiterung nach Norden aus Baumaterial der abgebrochenen romanischen Nordmauer. Auch einige vermauerte gotische Fenster waren damals an der Nordseite zu sehen. Auf dem Dachboden ist unter dem Dach des heutigen Langhauses noch die Dachhöhe des gotischen Langhauses bzw. Chors zu erkennen, ebenso Farbfragmente von aufgemalten Eckquadern am Turm. Weitere Seiten im „Baubuch der St.-Johannis-Kirche“ berichten von der Erhöhung des Langhauses im Jahr 1723 und der Turmerhöhung. Aus der Zeit vor dem Umbau des Turms gibt es sogar ein Bild. Auf dem Stammbaum der Herren von Lentersheim, einem riesigen Ölgemälde, das im Schloss der Herren von Eyb in Rammersdorf bei Leutershausen hängt, ist der Kirchturm noch mit einem Fachwerkobergeschoss abgebildet. An das, was im „Baubuch“ von den letzten äußerlichen Veränderungen der Kirche steht, können sich viele der derzeit lebenden Muhrer noch gut erinnern: an die Vermauerung des 1910 eingebrochenen Emporenaufgangs und an die Entfernung des Schutzdaches über dem vorderen Langhauseingang sowie an die Kirchturmdeckung mit Kupferblech anstelle der Schieferbedachung. Auch über die derzeitige Kircheneinrichtung berichtet das „Baubuch“. Ab dem 18. Jahrhundert sind in diesem Buch alle Seiten erhalten, nur einige Sätze oder Worte sind nicht mehr genau zuauch durch Inschriften und alte Abbildungen. Der Taufstein kam 1860 in die Kirche, und 1844 wurde ein neuer Altar aufgestellt. Bei der Versetzung des Altars entdeckte man im„Baubuch“ einen Verweis, aus dem man schließen konnte, was wohl in den ersten, fehlenden Seiten ungefähr gestanden haben könnte. Ein mittelalterlicher Sturzbecher mit Reliquien kam zum Vorschein. Beides wurde wieder in den neu aufgemauerten Altartisch eingefügt. Seiten des „Baubuches“ bestehen aus der Erinnerung, so ein großes gotisches Kruzifix, das lange auf dem Kirchenboden lag und in den 50er-Jahren an eine Diasporagemeinde in Niederbayern verkauft oder verschenkt worden sein soll. In der Erinnerung lebt auch noch das „blutige Männlein“, eine mit roter Farbe angestrichene Marienfigur an einem Balken auf dem Kirchenboden, die nach der großen Kirchenrenovierung 1910 nicht mehr auffindbar war. Von Baumaßnahmen, auf die weder die Kirchenrechnungen noch sonstige Aufzeichnungen hinweisen, berichten Jahreszahlen, die man nach und nach entdeckte. Auf einer Pfeife der Orgel, die dem bekannten Ansbacher Orgelbauer Prediger zugeschrieben wird, befindet sich die Inschrift: „Grose Quint 3 fuß nach Alten Muhr 27. Marti 1745“. Auf einer anderen ist zu lesen: Renoviert von Orgelbau Thonius zu Roßthal bei Nürnberg 1990“. Von einer Ausschmückung im Jahr 1674 spricht die erst bei der Renovierung von 2015 entdeckte Kalligrafie auf der Tür zum Turmaufgang. Auf der oberen Empore kam die Jahreszahl 1709 zutage, als man die Wandfarbe abkratzte. Was war in diesem Jahr? Bis auf einige wenige Fehlstellen sind die Seiten im „Baubuch der St.-Johannis-Kirche“ zu lesen, die von den zahlreichen Epitaphien aus dem 13. bis 19. Jahrhundert berichten. Vielleicht lassen sich in dem „Baubuch“ der St.-Johannis-Kirche auch noch die zugeklebten Seiten öffnen, wie das bei den Renovierungen in den 1980er-Jahren des letzten Jahrhunderts und 2014 bis 2016 geschehen ist. Am Kirchweihsonntag erinnert man sich besonders an die lange Geschichte der Kirche und ist dankbar, dass sie bis auf den heutigen Tag erhalten geblieben ist und der Innenraum sowie die Außenansicht durch die neue, auf alten Vorlagen beruhende Farbgebung gewonnen hat. GÜNTER L. NIEKEL

© Text: Pfarrer i. R. Günter L. Niekel, Muhr am See

© Foto: Horst Kuhn

Quelle: Altmühl-Bote Gunzenhausen, Ausgabe 28. Juli 2016

Horst Kuhn

Dekanat Gunzenhausen

Öffentlichkeitsreferent

 

St.-Johannis, Muhr am See

 

St.-Johannis, Muhr am See

 

St.-Johannis, Muhr am See St.-Johannis, Muhr am See

 

 

 

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