Zum Inhalt (ALT-C)
Zur Navigation (ALT-N)
Zur Startseite (ALT-S)

Dekanat Gunzenhausen  |  E-Mail: info@dekanat-gunzenhausen.de  |  Online: http://www.dekanat-gunzenhausen.de

Gemeindefest 2017

am 24.09.2017 feierte die Kirchengemeinde Gemeindefest mit dem Thema: Leben und Werk Martin Luthers

Was hat ein Papierkorb in der Kirche zu suchen? Ist vielleicht das, was in der Kirche geschieht, für den Papierkorb? Beim Gottesdienst anlässlich des Gemeindefests, dessen Thema „Leben und Werk Martin Luthers“ war, stand ein Papierkorb in der St. Johanniskirche. Luther, der lange von der Frage gequält wurde: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ machte schließlich eine Entdeckung, die für ihn die große Wende brachte: Nicht durch Werke wird der Mensch gerecht, sondern durch den Glauben! Die Gnade kann man sich nicht verdienen, sondern nur als Geschenk annehmen. Wie man das, was man nicht mehr braucht, in den Papierkorb werfen kann, so darf alle Sorge um eine Seligkeit durch Werke abgelegt werden. In der Taufe nimmt Gott die Menschen an. Diese Erkenntnis war auch für das ganze Leben und Handeln Luthers sehr wichtig. Immer, wenn er in Anfechtungen und Ängsten war, schrieb er mit Kreide groß aus den Tisch: „Ich bin getauft!“ Durch die Taufe, die im Gemeindefestgottesdienst statt fand, wurde das noch besonders verdeutlicht. „Alle eure Sorgen werft auf ihn, denn er sorgt für euch!“ Unter diesem Wort aus dem 1. Petrusbrief stand die Predigt. Symbolisch warf Pfarrer Brendel zerknülltes Papier in einen Papierkorb unter der Kanzel. Sorgen wegwerfen wie ein zerknülltes Papier? Wenn das so einfach wäre! Einfach ist es oft nicht, aber der Getaufte muss sich nicht mit Dingen belasten, die längst erledigt sind, die eigentlich schon lange im Papierkorb sind.


Nach dem Gottesdienst gab es im Gemeindehausgarten ein Mittagessen „wie zu Luthers Zeiten“, ohne Kartoffeln, denn die waren damals noch nicht bekannt, aber dafür mit Kraut und Fleisch und einer Suppe. Bald war alles aufgegessen und wer wollte, konnte zum Nachtisch Kuchen essen. Um 13.30 Uhr begann das Nachmittagsprogramm. Die Gemeindeglieder machten sich auf den Weg zu fünf Station.


Wie man sich im Kindergarten mit dem Thema „Luther und die Reformation“ beschäftigte, wurde anhand einer Bildpräsentation dargestellt, die den Lebensweg Luthers aufzeigte. Dabei wurde auch Luthers Leben schwankend zwischen Angst und Mut dargestellt. Das für Kinder schwierige Thema „Gottes Gnade kann man sich nicht kaufen!“ wurde auf den Punkt gebracht: Gott liebt jeden Menschen so, wie er ist!“ Wer Gott in seiner Liebe vertraut, kann auch mit anderen Menschen liebevoll umgehen. Luthers Ziel war es, dass die Menschen an Gottes Liebe mehr glaubten, als an seine Strafen. Aus diesem Grund übersetzte Luther die Bibel, dass alle Menschen selbst lesen können, wie Gott die Menschen liebt. Für die Erwachsenen wurden Lutherzitate vorgelesen und interpretiert. So ist es eine „Straße zum Himmel“, wenn Eheleute ihre Kinder gut erziehen und außerdem müssen sie auch einmal darüber Rechenschaft ablegen.


Die nächste Station war am Synagogendenkmal im Judenhof. Besonders in einer Ortschaft, in der einmal nahezu ein Drittel der Bewohner Juden waren, darf man das Verhältnis Luthers zu den Juden einmal näher ansehen. Antijudaismus war im späten Mittelalter weit verbreitet. Man unterstellte den Juden u.a. Christenfeindlichkeit, Hostienfrevel, Brunnenvergiftung und Ritualmorde. Als Kind seiner Zeit war Luther kein Judenfreund. Dort, wo Juden lebten, waren sie gesellschaftlich ausgegrenzt, als Kaufleute aber wiederum gut mit der Gesellschaft verbunden. Vom Alten Testament her entwickelte Luther eine neue, ja reformatorische Sicht im Umgang mit den Juden. Er vertrat offen die Ansicht, dass Gott die Juden wie kein anderes Volk durch die Gabe der Thora und Prophetie gewürdigt habe und sie so Christus näher stünden als die Heiden. Deshalb „seien sie säuberlich aus der Bibel zu lehren und als Menschen zu behandeln“. Da Christus als Jude geboren sei, seien Arbeits- und Zunftverbot und Ghettoisierung aufzuheben. Er wollte sie langsam an das Christentum heran führen. Da aber die Rabbiner eine andere Lesart des Alten Testaments hatten, blieben die erwarteten Bekehrungserfolge aus. Luther deutete das nun als Verstocktheit und Unfähigkeit zur Einsicht beim jüdischen Volk. Verletzter Stolz führte wohl zur Änderung und zum Meinungsumschwung. In zwei Schriften gab er aggressive und diffamierende Äußerungen von sich, deren sich seither Judenfeinde zu allen Zeiten und politische Führer bis in unsere Tage bedienen. Als Luther diese Schriften verfasste, war er körperlich und seelisch übel dran. 1984 erklärte der Lutherische Weltbund, man könne Luthers „wüste antijüdischen Schriften … weder billigen noch entschuldigen … Er habe „rassistischen, nationalistischen und politischen Antisemitismus nicht gebilligt“, aber seine Schriften seien zu dessen Rechtfertigung herangezogen worden. Auf jeden Fall muss man vorsichtig sein, dass man nicht unreflektiert auf den Zug des Zeitgeistes aufspringt.


Mit „Luther und die Bibel“ war die dritte Station in der St. Johanniskirche überschrieben. Der Überfall auf Luther und seine Entführung auf die Wartburg, die sich wie ein Krimi darstellen, waren der Anfang eines großen Werkes. Bei diesem unfreiwilligen Aufenthalt übersetzte Luther in elf Wochen das Neue Testament. Für das Alte Testament benötigten er und seine Mitarbeiter zwölf Jahre, bis es so dastand, wie sie es für richtig hielten. Mit der „Bibel für alle“ sollte das Volk frei werden von der Herrschaft des Klerus und eine Handhabe zum Trost, zum Glauben und zur Gnade haben. Dabei wollte er „dem Volks auf’s Maul schauen“ und die alte sächsische Kanzleisprache wurde zur Grundlage des Hochdeutschen. 1534 erschien die „Gantze Bibel in Deutsch“. Pünktlich zum Luther-Gedenkjahr kam dann die neu überarbeitete Lutherbibel. Dabei wurden bisherige Revisionen auf die ursprüngliche Übersetzung zurückgeführt.
Zum Schluss der Ausführungen legte Pfarrer Karl-Heinz Brendel die „neue“ Lutherbibel auf den Altar der St. Johanniskirche nieder.

Grossansicht in neuem Fenster: muhr_gemfest_17-1 Grossansicht in neuem Fenster: muhr_gemfest_17-2


Nun begab sich die Gruppe zur nächsten Station in den Gemeindehausgarten. „Luther und die Musik“ war hier das Thema, das der Posaunenchor gestaltete. Luther darf man einen Begründer der Kirchenmusik für alle Gläubigen nennen. Er selbst, der sehr gut Laute spielte, hat 35 Lieder verfasst oder aus dem Lateinischen übersetzt. Sie lassen sich in drei Gruppen einteilen: Lieder zum Kirchenjahr, zum Katechismus und „weitere Lieder“. Mit Begleitung des Posaunenchores stimmte die Gemeinde vier „Lutherlieder“ an. „Nun freut euch, lieben Christen gmein …“ ein Lied, das Luther 1523 dichtete und bis heute zum Kernbestand deutschsprachiger Gesangbücher gehört. Ursprünglich kein Kirchenlied, wurde es aber bald als reformatorisches Volkslied am Reformationstag verwendet. Das Lied: „Nun kommt der Heiden Heiland…“, die Übersetzung eines Liedes des Ambrosius von Mailand aus dem 4. Jahrhundert war einst das Adventslied schlechthin. In der Barockzeit wurde es unzählige Male für Orgel und Chor und andere Besetzungen u.a. von Sebastian Bach bearbeitet. Beim bekannte Weihnachtslied: „Vom Himmel hoch da komm ich her …“ stammen Text und Melodie von Luther, ein Geschenk zur Bescherung seiner Kinder im Jahr 1535. Johann Sebastian Bach verwendete die Melodie in seinem Weihnachtsoratorium. Das vierte Lied „Verleih und Frieden gnädiglich …“, ist eine Nachdichtung aus der gregorianischen Liturgie: „Da pacem, Domine, in diebus nostris …“ und stammt aus dem Jahr 1529. Diese Bitte um den irdischen, politischen und so-zialen Frieden wird als Ergebnis eines Kampfes aufgefasst, den nur Gott führen kann.


Grossansicht in neuem Fenster: muhr_gemfest_17-3Gegen 14.45 Uhr war die letzte Station im Hof des Altenmuhrer Schlosses erreicht. Hier standen die Fragen an: „Was hat Luther mit Muhr zu tun?“ und „Warum ist Muhr evangelisch!“ Warum wird Muhr als „evangelisches Dorf“ gezählt, obwohl auch katholische Christen, Christen anderer Konfessionen und Anhänger anderer Religionen hier leben? Die Unterscheidung nach „evangelischen“ und „katholischen“ Dörfern, hängt mit dem „Westfälischen Frieden“ von 1648 zusammen, in dem die Konfessionszugehörigkeit festgelegt wurde. Die Untertanen mussten die Konfession des Landesherrn annehmen. So kam es, dass Dörfer, in deren Kirchen um 17. Jahrhundert Jahre lang evangelisch gepredigt wurde, wie z.B. in Cronheim, Gnotzheim und Mitteleschenbach nach dem Grundsatz „Cuius regio, eius religio“ (= „Wer die Herrschaft hat, bestimmt die Religion“) nun wieder katholisch werden mussten, weil der Landesherr bei der katholischen Konfession geblieben war. Muhr, das zur Markgrafschaft Brandenburg-Ansbach gehörte, konnte evangelisch bleiben. Während Altenmuhr erst 1548 den ersten evangelischen Pfarrer hatte, schloss sich Veit von Lentersheim, der Herr von Neuenmuhr, Laubenzedel, Fünfbronn und Markt Berolzheim schon früher der Reformation an.
Wie weit ein Student aus Muhr dafür sorgte, dass die der Lehre Luthers in seinem Heimatort bekannt wurde, ist nicht bekannt. Fest steht aber, dass sich „Johannes Precht de Muhr diö(cese) Eychstett (= Eichstätt)“ am 26. Okt. 1517 an der Universität Wittenberg einschrieb und somit die Vorkommnisse dieser Tage in Wittenberg wohl alle mit bekam.


Nach diesen Stationen, die von den „Jungbläsern“ des Posaunenchores begleitet wurden klang das Gemeindefest bei Kaffee und Kuchen aus.

GÜNTER L. NIEKEL

drucken nach oben